Kleine Opfer - überall in Deutschland

Ein Interview mit den Gründern des Karolina e.V. Tina und Ralf Kiener

Egal, wo man sich in Deutschland befindet - rein statistisch betrachtet, wird in einem Umkreis von nur 750 Metern ein Kind schwer misshandelt. Insgesamt sind es 240.000 Kinder pro Jahr, wöchentlich sterben 3 davon an den Folgen häuslicher Gewalt. Für das Unternehmerehepaar Tina und Ralf Kiener ein unerträglicher Zustand. Um das zu ändern wurden sie aktiv und gründeten im November 2016 den Verein Karolina e.V.

In diesem Interview erzählt das Ehepaar, wie es zu der Vereinsgründung kam, was sie mit dem Verein erreichen wollen und sprechen von erschreckenden Zahlen, die in Deutschland leider viel zu wenig veröffentlicht werden:


Wie sind Sie auf das Thema Kindesmisshandlung aufmerksam geworden?

Vor ungefähr einem Jahr wurden wir durch das soziale Engagement von Frau Rebecca Fröhlich, unserem Kindermädchen, auf das Thema Kindesmisshandlung aufmerksam. Frau Fröhlich hat uns damals auf einen Fall von zwei kleinen Mädchen (6 Monate und 6 Jahre), die von ihrem Vater sexuell missbraucht und körperlich auf unvorstellbare Art und Weise misshandelt wurden, angesprochen. Sachstand war, dass diese Kinder in einer Nacht und Nebel Aktion vom Jugendamt aus dem Haus der Eltern befreit und mit viel Aufwand bei einer Pflegefamilie untergebracht wurden. Leider konnte das Jugendamt zu dem damaligen Zeitpunkt diese Pflegefamilie nur mit sehr wenigen finanziellen Mitteln ausstatten. Hilfe in Form von Kleidung oder Spielsachen für die Kinder war nicht sofort möglich. Der Anblick der beiden Kleinen war erbärmlich, vom seelischen Zustand nicht zu sprechen. Wir haben uns dazu bereit erklärt die Erstausstattung für die beiden kleinen Mädchen zu übernehmen und den Beiden Spielzeug zu kaufen, so z.B. eine Puppe für die Sechsjährige. Laut Aussagen erfahrener Trauma- und Kinderpsychologen hilft die Puppe dem Kind die Geschehnisse aus der Vergangenheit zu verarbeiten und sich zu öffnen. Diesem Fall folgten weitere, die uns dazu veranlasst haben uns mit dem Thema Kindesmisshandlung in Deutschland auseinanderzusetzen.


Was waren Ihre nächsten Schritte?

Zuerst haben wir uns kundig gemacht und aus verschiedensten Kanälen Informationen geholt. Ein Kanal war natürlich das Internet, das uns erschreckende Ergebnisse lieferte. Als erstes sind wir auf den Fall der kleinen Karolina Copik aus dem Raum Augsburg gestoßen. Die Zeitungsartikel und die darin sicherlich geschönten Beschreibungen haben uns tagelang schlaflose Nächte bereitet. Noch schlimmer war die Erkenntnis, dass die kleine Karolina kein Einzelfall ist. Sicherlich gleichen wenige Fälle in Härte und Grausamkeit dem von Karolina, das mindert die schwere der Fälle jedoch nicht annähernd. Der erschreckende Gedanke, dass täglich vielfach in Deutschland Kinder ohnmächtig werden durch den Schmerz, der ihnen vorwiegend von ihren Eltern oder nahen Verwandten zugefügt wird, hat uns nicht mehr losgelassen.


Haben Sie neben den Zeitungsartikeln auch Statistiken zu Rate gezogen, die sich mit dem Thema Kindesmisshandlung in Deutschland beschäftigen?

Ja, das haben wir getan. Es gibt zahlreiche Statistiken und mit diesen haben wir uns im nächsten Schritt beschäftigt. Das Ergebnis ist, dass alleine in Deutschland 240.000 Kinder pro Jahr schwer körperlich misshandelt werden, in einer Woche sterben 3 Kinder an den Folgen von häuslicher Gewalt und pro Tag werden 40 Kinder sexuell missbraucht. Hierbei sprechen wir nur von den offiziellen Zahlen, die von Experten stark in Frage gestellt werden, weil diese Zahlen schlicht und ergreifend geschönt werden.


Wollen Sie damit sagen, dass die veröffentlichten Zahlen nicht korrekt sind?

Nein, das möchten wir damit nicht sagen. Die offiziellen Zahlen sind korrekt, vermitteln aber ein vollkommen falsches Bild, da die polizeiliche Kriminalstatistik mit absoluten Zahlen arbeitet. Diese lassen außer Acht, dass die Zahl der Kinder in Deutschland stetig sinkt. Die absolute Zahl der Fälle verteilt sich auf immer weniger Kinder. Die Gefahr für ein Kind, misshandelt zu werden, ist demnach sehr viel größer, als in den offiziellen Zahlen dargestellt. Hier ein Beispiel: Für den Zeitraum von 1995 bis 2010 haben Prof. Dr. Tsokos, einer der anerkanntesten Fachmänner in dem Bereich der Kindesmisshandlung und Autor des Buches „Deutschland misshandelt seine Kinder“ und sein Team einen Anstieg der Gefährdung für unter 14-Jährige von 153 Prozent errechnet. Zum Vergleich: Die absoluten Zahlen zeigen für diesen Zeitraum „nur“ eine Steigerung um 108 Prozent.


Welche Lösungsansätze gibt es um Kindesmisshandlung zu vermeiden oder misshandelten Kindern helfen zu können?

Lösungsansätze gibt es viele, man sollte die Frage jedoch aufteilen in: „Was können Politik und Behörden tun, was kann ein Verein wie Karolina e.V. tun und was kann ich als Einzelperson tun?“. Die Beantwortung des ersten Teils der Frage ist tiefschichtig, zeitaufwendig und zermürbend. Was wir als Verein tun können ist, dass wir z.B. Pflegefamilien unterstützen, damit sie die Motivation nicht verlieren, kleine geschundene Menschen bei sich aufzunehmen. Ein weiterer Ansatz ist, dass wir Therapiestunden finanzieren, damit aus den kleinen Menschen nicht wieder Erwachsene werden, die eine Gefahr für die Allgemeinheit darstellen. Wir betreiben Öffentlichkeitsarbeit um auf das Thema aufmerksam zu machen, wir versuchen den Einsatz von Computerprogrammen voranzutreiben, die dabei helfen, die Information von einem Kinderarzt zum andern zu erleichtern und im Rahmen der Datenschutzrechtlinien zu ermöglichen. All das ist mit einem finanziellen Aufwand verbunden, den viele Beteiligte nicht stemmen können. Gerade für die Prävention gibt es aus öffentlichen Töpfen fast keine Fördermittel. Wir unterstützen Einrichtungen, die sich um misshandelte Kinder kümmern oder sorgen bei einzelnen Kindern dafür, dass sie einmal wieder einen unbeschwerten Tag in einem Umfeld verbringen können, in dem sie sich beschützt, geliebt und akzeptiert fühlen. 


Bleibt Teil drei der Frage offen. Was kann jeder Einzelne tun, der diesen Artikel liest oder anderweitig auf Ihren Verein aufmerksam wird?

Grundsätzlich kann jeder dazu beitragen, dass das Thema Kindesmisshandlung in Deutschland nicht totgeschwiegen wird. Auch wir waren jahrelang der Meinung, dass in Deutschland kaum Kinder misshandelt werden. Hätten wir die Wahrheit früher gekannt, dann hätten wir auch schon viel früher mit unserer Arbeit begonnen. Jeder muss hinschauen und handeln, wenn ihm etwas komisch vorkommt. Das ist kein Denunziantentum, sondern verantwortliches, soziales Handeln. Keiner darf zögern, denn ein Anruf kann entscheidend für das Leben eines Kindes sein. Noch immer glauben viele, dass es niemanden etwas angeht, was in einer Familie geschieht. So ein Denken bietet den Peinigern die Plattform für ihr ungestörtes Handeln.


Was ist Ihre Botschaft an unsere Leser?

Es gibt viele Möglichkeiten, misshandelten Kindern in Deutschland zu helfen und der Kindesmisshandlung vorzubeugen. Leider ist es heute leichter, eine Patenschaft für ein Schimpansen Baby in einem Zoo zu bekommen, als Geld für misshandelte Kinder. Man sollte sich bei einer Spendenentscheidung aber vor Augen halten, dass jeder Schimpanse im Zoo in Deutschland besser und glücklicher lebt, als ein kleines Kind, das von seinen Eltern oder Angehörigen brutal misshandelt und damit in seinem Urvertrauen erschüttert wird. Wir wollen niemandem, der dieses Interview liest oder einen unserer Vorträge besucht die Stimmung verhageln. Wir wollen auch nicht erreichen, dass die Leser bei jedem Tropfen heißem Wasser, den sie versehentlich auf die Haut bekommen, an die schrecklichen Qualen denken, die viele kleine Kinder erleiden müssen. Dadurch wird die Welt nicht besser und die Kindesmisshandlungen werden nicht weniger. Wir wollen, dass die Menschen auf das Thema Kindesmisshandlung aufmerksam werden und den Handlungsbedarf nicht nur erkennen, sondern dass sie dann auch handeln. Sprechen Sie über Karolina e.V. mit Ihren Freunden und Bekannten, mit Ihren Arbeitskollegen und mit Menschen, deren Hobby Sie teilen. Spenden Sie und werden Sie Mitglied, denn dann können Sie sich sicher sein, dass Sie Ihren Beitrag geleistet und vielleicht dabei geholfen haben, einem kleinen Menschen das Leben zu retten.